Klinische Intelligenz entlastet Krankenhäuser
Ein Überblick über KI-Lösungen und die Zukunft – Interview
Klinische Intelligenz – bei Dedalus herrscht die Einstellung, dass KI nicht als eine Lösung darsteht, sondern eine integrale Technologie ist, die in nahezu allen Bereichen eines Krankenhaus-Informationssystems (KIS) zu finden sein wird. Das Hauptaugenmerk liegt darin, Ärztinnen und Ärzte sowie das Pflegepersonal bei der Arbeit am Patienten zu unterstützen. In welchen Bereichen klinische Intelligenz bei Dedalus schon im Einsatz ist – und wie es sich entwickeln wird, lesen Sie im Interview mit Ralph Szymanowsky, Business Develpment Manager BI & Analytics.
Herr Szymanowsky, welche Rolle haben Sie bei Dedalus in Bezug auf KI?
Ralph Szymanowsky: Ich bin seit 2017 als Business Development Manager für den Bereich BI & Analytics verantwortlich. Innerhalb des Unternehmens existierte bereits frühzeitig eine Abteilung in Gent, die sich intensiv mit maschinellem Lernen beschäftigte; gemeinsam haben wir ab dem Jahr 2019 an einer marktfähigen Lösung für die Vorhersage klinischer Risiken gearbeitet. Diese Erfahrungen waren eine hervorragende Grundlage, um sich in das Themengebiet und die Möglichkeiten der generativen KI einarbeiten zu können und Ideen zu deren effektiver Anwendung zu entwickeln.
Dedalus versteht KI in ORBIS nicht als Zusatzmodul, sondern als integrierten Bestandteil des klinischen Arbeitsplatzes. Was heißt das konkret für den Alltag von Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften?
R. Szymanowsky: Unter KI ist keine Einzellösung oder ein besonderes Feature zu verstehen. Vielmehr handelt es sich um eine Technologie, die aktuell am Anfang ihres Durchbruchs steht und nahezu alle Bereiche durchdringen wird. Für Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte wird das mittelfristig bedeuten, dass die Nutzung dieser Funktionen selbstverständlich sein wird – und idealerweise so gut integriert, dass sie gar nicht mehr als solche wahrgenommen wird.
Ich spreche bewusst von mittelfristig, da für eine solche Nutzung insbesondere das Vertrauen in diese Systeme und deren Zuverlässigkeit Schritt halten muss. Konkret bedeutet das für den klinischen Alltag: KI-Funktionen sollen den Workflow unterstützen, ohne zusätzliche Arbeitsschritte zu erzeugen – der Arzt oder die Ärztin arbeitet wie gewohnt in ORBIS, während KI im Hintergrund relevante Informationen aufbereitet, Risiken erkennt oder Texte vorformuliert.
Technologisch basiert vieles auf dem Dedalus Managed Cloud Service. Warum ist eine standardisierte, DSGVO-konforme Cloud-Infrastruktur die Voraussetzung dafür, dass KI im Krankenhaus skalierbar und wirtschaftlich eingesetzt werden kann?
R. Szymanowsky: Die aktuelle Situation in vielen Einrichtungen ist von einer unkontrollierten Nutzung unsicherer Systeme gekennzeichnet – vom Umgang mit sensiblen Patientendaten in diesem Kontext ganz zu schweigen. Diese Situation ist aus vielerlei Gründen überaus problematisch. Dedalus stellt die erforderlichen KI-Services als Dedalus Managed Cloud Service zur Verfügung: Dabei werden Daten verschlüsselt übertragen, nicht in der Cloud gespeichert und vertraglich wird die weitere Nutzung dieser Daten ausgeschlossen. Damit bietet sich auch für kleine und mittlere Häuser die Möglichkeit, diese Technologie mit minimalem Risiko verwenden zu können, ohne eigene Server und Know-how vorhalten zu müssen. Darüber hinaus erfüllt der Dedalus Managed Cloud Service alle Anforderungen der DSGVO sowie des wachsenden Regulierungsrahmens rund um den EU AI Act – ein Aspekt, der für Krankenhäuser angesichts steigender Compliance-Anforderungen zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Mit dem ORBIS Speech Assistant und der Intelligent Text Engine adressieren Sie direkt die Dokumentation. Wie verändern diese KI-Funktionen die Art, wie klinische Informationen entstehen und weiterverarbeitet werden?
R. Szymanowsky: Zunächst baut diese Technologie Barrieren ab: Beim Speech Assistant kann sich die Ärztin oder der Arzt voll auf das Gespräch mit der Patientin oder dem Patienten konzentrieren, während die Protokollierung in Echtzeit parallel erstellt wird. Die Intelligent Text Engine vereinfacht die Formulierung und Formatierung von Fachtexten jeder Art – die Funktion steht in allen Textfeldern zur Verfügung – und ermöglicht insbesondere auch Nicht-Muttersprachlerinnen und -Muttersprachlern die Erstellung korrekter, professioneller Texte. Beide Funktionen tragen damit unmittelbar dazu bei, den Aufwand der Dokumentation zu senken und zugleich die Qualität der klinischen Kommunikation zu steigern – ein zentraler Hebel angesichts des anhaltenden Fachkräftemangels im Gesundheitswesen.
Die KI-unterstützte Epikrise greift tief in einen sensiblen medizinischen Prozess ein. Wie stellen Sie sicher, dass Zeitgewinn nicht zulasten medizinischer Qualität oder ärztlicher Verantwortung geht?
R. Szymanowsky: Sie sprechen damit den entscheidenden Punkt an: Kann ich den Ergebnissen vertrauen? Seit wir unseren Prototyp zur KI-unterstützten Epikrise vorgestellt haben, stand genau diese Frage im Mittelpunkt aller Diskussionen – wenn die anwendende Person gezwungen ist, aufwendig nachzuprüfen, dann ist der Zeitvorteil zunichte gemacht. Dieser Herausforderung begegnen wir mit einer integrierten Qualitätsprüfung: Ein zusätzlicher Service gleicht die generierte Epikrise kritisch mit den zugrundeliegenden Patientendaten ab und ermittelt, inwieweit das Ergebnis Halluzinationen enthält. Grundsätzlich gilt: KI-Systeme kennen lediglich die Daten, die ihnen übergeben werden. Die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt sollte darüber hinaus die Patientin oder den Patienten in seiner Gesamtheit kennen und ist mit der beschriebenen Unterstützung leichter in der Lage, zu beurteilen, ob die Epikrise den eigenen Qualitätsansprüchen genügt. Die ärztliche Verantwortung bleibt dabei stets beim Menschen – KI übernimmt die Vorarbeit, der Arzt oder die Ärztin trifft die abschließende Entscheidung und zeichnet das Dokument verantwortlich ab.
Vor einiger Zeit hat Dedalus den ORBIS Buddy vorgestellt. Wie hat sich der Chatbot entwickelt und was sind die Zukunftspläne für dieses Produkt?
R. Szymanowsky: Mit dem Buddy wollen wir einen medizinisch fundierten Chatbot zur Verfügung stellen. Zu diesem Zweck wurden ClinicalKey (Elsevier) und eRef (Thieme) integriert. Zudem arbeiten wir an der Anbindung weiterer medizinischer Wissensquellen. Die Planung geht deutlich über einen einfachen Chatbot hinaus – doch genau dieser Anspruch erfordert noch Zeit zur Umsetzung. Zur DMEA 2026 werden wir den aktuellen Stand präsentieren; der nächste große Entwicklungsschritt ist für die Kundenforen im Herbst vorgesehen, zu dem auch eine Freigabe geplant ist. Langfristig soll der ORBIS Buddy nicht nur Wissensfragen beantworten, sondern aktiv in klinische Prozesse eingebunden werden – etwa indem er kontextsensitiv relevante Leitlinien vorschlägt oder die behandelnde Person bei der Differenzialdiagnose unterstützt.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Kodierunterstützung im ambulanten Bereich. Welchen konkreten Beitrag kann KI hier zur Erlössicherung und zur Qualität der Abrechnung leisten?
R. Szymanowsky: Die erforderliche Kodierung der Diagnosen wird von vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, insbesondere im ambulanten Bereich, als zusätzlicher und lästiger Aufwand empfunden, vor allem weil die Diagnose bereits im Arztbrief entsprechend beschrieben wurde. Es ist daher deutlich intuitiver, wenn die Kodierung automatisch aus den vorhandenen Texten abgeleitet wird. Genau dieses Ziel verfolgen wir mit den beschriebenen Prototypen. Die besondere Herausforderung besteht dabei in der nahtlosen Integration dieses Schritts: Er soll nicht als eigenständiger Arbeitsschritt wahrgenommen werden, sondern sich organisch in den Prozess des Briefschreibens einfügen. Mittelfristig könnte eine solche Lösung nicht nur die Kodierqualität steigern, sondern auch Abrechnungsfehler reduzieren und damit zur wirtschaftlichen Stabilität der Einrichtungen beitragen – ein Aspekt, der gerade im ambulanten Bereich angesichts des Kostendrucks zunehmend relevant ist.
Mit clinalytix Rules sprechen Sie von strukturierter klinischer Entscheidungsunterstützung. Wo liegt aus Ihrer Sicht der Mehrwert im Behandlungsprozess – und wo sind klare Grenzen solcher Systeme?
R. Szymanowsky: Es gibt viele sehr gut beschriebene Regeln und daraus abgeleitete evidenzbasierte Handlungsempfehlungen – z. B. den NEWS2. Warum sollte man also, statt diesem klaren und bewährten Lösungsweg zu folgen, an dieser Stelle KI einsetzen? Werden Sie in Zukunft auf Ihren Taschenrechner verzichten? Diese Systeme und regelbasierten Lösungen sind schnell und effektiv. An ihre Grenzen stoßen sie dann, wenn wir uns auf unbekanntes Terrain wagen – dort, wo es genau diese Regeln und die entsprechende Erfahrung noch nicht gibt.
Unserem Leitspruch „Klinische Intelligenz“ folgend, erwarten wir die besten Ergebnisse in der Kombination von Dokumentation, Prädiktion, Detektion im Prozess des Monitorings besonderer Krankheitsbilder. Dazu kann ich Ihnen die Präsentation ORBIS PracticeWise SEPSIS am Dienstagnachmittag auf der DMEA 2026 empfehlen. Hier werden wir zeigen, wie die beschriebene Kombination zum Nutzen des Patienten eingesetzt werden kann.
Wenn man Infrastruktur, Dokumentationsentlastung, Kodierhilfe und Entscheidungsunterstützung zusammendenkt: Welches realistische Bild von KI im Krankenhaus sehen Sie in den kommenden Jahren?
R. Szymanowsky: In einem hochregulierten Bereich wie dem Gesundheitswesen werden sich einige der Veränderungen, die sich in der übrigen Wirtschaft sehr viel schneller durchsetzen werden, zwangsläufig etwas langsamer vollziehen. Das ist kein Nachteil, sondern eine notwendige Konsequenz der besonderen Verantwortung, die mit dem Umgang mit Patientendaten und klinischen Entscheidungen verbunden ist.
Das Vertrauensverhältnis zwischen Patientinnen, Patienten, Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften ist eine wesentliche Voraussetzung für den gesamten Genesungsprozess. Einige der technischen Möglichkeiten verbieten sich aus ethischen Gesichtspunkten von selbst – und das ist gut so, denn das besondere Vertrauensverhältnis zwischen Mensch und medizinischem Fachpersonal darf nicht nachhaltig beschädigt werden.
Meine persönliche Einschätzung ist, dass insbesondere die Dokumentation durch die automatisierte Übernahme strukturierter Werte, die Spracheingabe in ORBIS und die Sprachsteuerung über Assistenten wie den Buddy deutlich entlastet wird. Die Qualität der Behandlung wird sich aufgrund dieser Entlastung und der gleichzeitigen Unterstützung durch intelligente Systeme nachhaltig verbessern. Ich bin überzeugt, dass KI im Krankenhaus kein Ersatz für menschliche Kompetenz und Empathie sein wird – aber ein wirkungsvolles Werkzeug, das dem medizinischen Fachpersonal ermöglicht, sich wieder mehr auf das Wesentliche zu konzentrieren: die Patientin und den Patienten.
Herr Szymanowsky, vielen Dank für den Einblick.
Interview: Joerg Gartmann
Dedalus DIREKT – unser Kundenmagazin
Mehr über KI
clinalytix Medical AI
Erkennt medizinische Risiken wie Sepsis, Delir oder akutes Nierenversagen frühzeitig und warnt behandelnde Ärzte, um Zeit im kritischen Moment zu gewinnen.
RICO – Intelligente Kodierunterstützung
Analysiert Arztbriefe, Diagnosen und OP‑Berichte automatisch und schlägt passende OPS‑Codes vor, um Kodierung effizienter und präziser zu machen.
ORBIS Speech Assistant
Überträgt Gespräche in Echtzeit in die elektronische Patientenakte, damit Ärzte sich vollständig auf Patientengespräche konzentrieren können.
ORBIS Buddy
Ein digitaler Assistent, der geprüfte Informationen zu Diagnosen, Medikamenten und Leitlinien liefert – schnell und jederzeit verfügbar.
DeepUnity AI Cube
Bindet bildanalytische KI‑Lösungen direkt ins PACS ein, wodurch Radiolog:innen sofort mit relevanten Ergebnissen arbeiten können.
DeepUnity Synopsis
Fasst komplexe Informationen aus vielen Dokumenten strukturiert zusammen und stellt das Wesentliche effizient bereit.
KI ist ein Bereich, der einer starken Entwicklung unterliegt. Daher kommen neue Lösungen hinzu.
KI bei Dedalus verfolgt den Zweck, sinnvolle und erweiternde Hilfestellungen für den Arbeitsalltag im Krankenhaus zu bieten. Weitere Vorteile:
spürbare Entlastung für Ärzte und Pflegekräfte
- höchste Datenschutz‑ und Transparenzstandards
Dedalus entwickelt seine KI in enger Zusammenarbeit mit Pilotkunden und Kliniken, damit die Lösungen praxisnah sind und echten Mehrwert in der Versorgung liefern.
Gerade im ärztlichen Bereich gilt: die Verantwortung bleibt immer bei den Menschen. Die KI dient ausschließlich als intelligente Assistenz zur Informationsaufbereitung und Entscheidungsunterstützung, nicht zur Substitution ärztlicher Expertise