Auf zu neuen Ufern
Interview mit PD Dr. Daniel Pinto dos Santos, Universitätsmedizin Mainz, und Prof. Dr. Saif Afat, Universitätsklinikum Tübingen
Mit dem Umzug nach Leipzig bietet sich dem Deutschen Röntgenkongress die Möglichkeit, den RöKo neu zu denken. Genau das haben sich die diesjährigen Kongresspräsidenten PD Dr. Daniel Pinto dos Santos, Geschäftsführender Oberarzt in der Klinik und Poliklinik für Diagnostische und Interventionelle Radiologie der Universitätsmedizin Mainz, Prof. Dr. Saif Afat, Geschäftsführender Oberarzt in der Radiologischen Universitätsklinik am Universitätsklinikum Tübingen, und PD Dr. Bettina Baeßler, CEO bei LernRad, auf die Fahne geschrieben. Wie das genau aussieht, erläutern sie im Interview.
Das Motto des diesjährigen Deutschen Röntgenkongresses lautet „Radiologie grenzenlos“. Was verbirgt sich dahinter?
PD Dr. Daniel Pinto dos Santos: Unser Ziel ist es, bei dem Kongress die Community in den Mittepunkt zu stellen und ihn offener für alle zu machen, ihn also grenzenloser zu gestalten. Er soll vor allem ein Ort der Zusammenkunft sein, wo unterschiedliche Berufsgruppen aus der Radiologie zusammenkommen, um sich auszutauschen und die eine oder andere gefühlte Grenze zu überwinden.
Prof. Dr. Saif Afat: Und wir wollen Ländergrenzen überwinden, um zu sehen, wie Radiologie anderswo funktioniert. Dazu haben wir Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern eingeladen, die von ihren Erfahrungen berichten, aber auch solche, die aus Deutschland ins Ausland gegangen sind.
Prof. Dr. Saif Afat, Universitätsklinikum Tübingen
Welche Rolle spielen die Industrieaussteller in diesem Konzept?
Prof. S. Afat: Sie spielen eine zentrale Rolle. Für uns ist es wichtig, dass der Austausch auch mit ihnen in den Kongress integriert wird. Die Radiologie ist ein sehr technisches Fach, das ohne Mitwirkung der Industrie, ohne deren Lösungen, nicht funktionieren kann. Der Kongress soll die Disziplin widerspiegeln.
Dr. D. Pinto dos Santos: Dieses Miteinander soll auch der RöKo-FeierAbend am Donnerstag zum Ausdruck bringen, dem zentralen Get-together für die Industrie und alle teilnehmenden Fachgruppen.
Welche Themenschwerpunkte setzt der Kongress?
Prof. S. Afat: Da sind sicher drei zu nennen: zum einen die interventionelle Radiologie. Hier gibt es erstmals einen DGIR-Campus, wo die Teilnehmer interaktiv Techniken der interventionellen Radiologie anwenden können. Ein zweiter Schwerpunkt ist die Herzbildgebung. Hier verzeichnen wir die meisten wissenschaftlichen Einreichungen. Selbstverständlich beschäftigen wir uns auch mit dem Thema, an dem derzeit niemand vorbeikommt: dem Lungenkrebs-Screening.
Welche Rolle spielt KI auf dem diesjährigen RöKo?
Dr. D. Pinto dos Santos: Zweifelsfrei wird KI eins der zentralen Themen für die nächsten Jahre sein. Ich bin davon überzeugt, dass extrem viel Potenzial in der Technologie steckt. Wir stehen jetzt jedoch an der Schwelle, an der aus dem Hype der vergangenen Jahre die Frage erwächst, wie wir KI zu unserem und dem Nutzen der Patienten im klinischen Alltag nutzen können. Da ist das Lungenkrebs-Screening ein gutes Beispiel.
PD Dr. Daniel Pinto dos Santos, Universitätsmedizin Mainz
Welche Besonderheiten im Kongressprogramm erwarten die Besucher in Leipzig?
Dr. D. Pinto dos Santos: Neu ist das Diskussionsformat „Die steile These“, in dem im Oxford-Stil kontroverse Fragestellungen aus der Radiologie aufgegriffen werden. „Radiologie-Forschung: Erkenntnis oder Quatsch?“ etwa bietet eine kritische Auseinandersetzung mit der Qualität und dem tatsächlichen klinischen Nutzen wissenschaftlicher Publikationen in der Radiologie. „KI: Der digitale Gott oder der Teufel in der Maschine?“ setzt sich mit den ethischen und praktischen Extremen beim Einsatz von KI in der radiologischen Diagnostik auseinander. Und „CT nach dem 64-Zeiler: Fortschritt oder Stillstand?“ führt eine Debatte über den technischen Mehrwert neuerer Computertomographie-Generationen für den klinischen Alltag.
Prof. S. Afat: Mein Highlight sind die „Rockstars of Radiology“. Da erwartet die Teilnehmer ein Blick zurück auf die historischen Wurzeln und die Pioniere, die das Fachgebiet der Radiologie begründet und nachhaltig geprägt haben, beleuchtet die aktuellen Hürden, komplexen Fälle und technologischen Herausforderungen der heutigen radiologischen Praxis und stellt die nächste Generation, neue Ideen und zukünftige Innovationen in der radiologischen Community vor.
Auch die Radiologie leidet ja an einem Nachwuchsmangel. Welche konkreten Angebote machen Sie angehenden und jungen Ärzten?
Prof. S. Afat: Selbstverständlich haben Studierende auch in diesem Jahr wieder die Möglichkeit, den Kongress kostenlos zu besuchen. Daneben haben wir gezielt Assistenzärzte ermuntert, wissenschaftliche Vorträge einzureichen, um diese entsprechend ins Programm zu integrieren. So wurde ein Teil des Programms gezielt für diese Session-Vorschläge freigehalten, was auch sehr gut angenommen wurde. Zudem konnten wir viele Moderationspaare aus jungen und erfahrenen Kollegen bilden. Grundsätzlich sind wir von der Resonanz aus dem Nachwuchs positiv überrascht. Wir hoffen, damit den Weg für die Zukunft vorgezeichnet zu haben.
Welche zentrale Botschaft sollen die Teilnehmenden vom RöKo mit nach Hause nehmen?
Dr. D. Pinto dos Santos: Wir möchten einen inspirierenden Kongress schaffen, der die Faszination und die Vielfalt der Radiologie widerspiegelt und Raum fürs gegenseitige Kennenlernen bietet. Unsere Botschaft ist, dass wir die Zukunft nur dann wirklich gut gestalten können, wenn wir uns alle als Teil eines Teams begreifen und zusammenarbeiten. Jeder liefert seinen wertvollen Beitrag, jeder sollte respektiert und wertgeschätzt werden. Nur so meistern wir die Herausforderungen, die auf uns warten. Wenn wir das mit dem diesjährigen RöKo transportieren können, war es ein guter Kongress.
Vielen Dank für den spannenden Austausch, Professor Afat und Doktor Pinto dos Santos.
Interview: Ralf Buchholz